Mittlere Reife

Betrachtungen über Gott und die Welt

Re: Mittlere Reife

Beitragvon detlevwalther » Fr 5. Mär 2010, 14:31

Das ist hier ja schon etwas älter, aber trotzdem ......

Als ich meinen 40-zigsten feierte, sagte mein Vater zu mir: Ab heute mache ich dir keine Vorschriften mehr, ab heute bist du ein VIR. Mein Vater war ein Verehrer der lateinischen Sprache.

Als ich 50 wurde, meinte ich, da müsste eigentlich noch etwas bahnbrechendes kommen. Das kam auch und später machte ich ein Buch daraus. Am Tag des Geburtstags wusste ich das aber noch nicht. Vielleicht wäre ich dann im Bett geblieben.

Als ich 60 wurde, verließ mich meine damalige Frau.

Jetzt gehe ich streng auf die 70, habe eine herzensliebe Frau und weiss, dass da nicht mehr viel kommen wird, weil nicht mehr soviel Zeit ist. Vermutlich habe ich mich spätestens heute Abend gewundert, was heute alles passiert ist.

Detlev
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Re: Mittlere Reife

Beitragvon Pluto » Fr 12. Mär 2010, 09:16

Lieber Detlev,

Herzlichen Dank für Deinen Bericht. Ich reiss mich jetzt am Riemen und antworte direkt nachdem ich ihn gefunden habe.

Richtig, der Eintritt in meine zweite Hälfte des Jahrhunderts liegt jetzt einige Monate zurück. Du sagst ein paar beeindruckende Sachen:

... ab 40 machte dir dein Vater keine Vorschriften mehr (na endlich)
... ab 50 erwartetest du "Bahnbrechendes", wärst aber gar nicht erst aufgestanden, wenn du gewusst hättest, was es sein sollte
... ab 60 gabs grossen Auf- bzw. Abbruch in der Beziehung
... und ab 70 wird nicht mehr viel kommen, weil schlicht nicht mehr viel Zeit bleibt.

Vielleicht täuschst du dich. Ich bewundere deine Erfahrung und deine Reife. Schön abgeklärte einfache Sprache.

Ich sollte heute mal wieder etliche dringend-wichtige Arbeiten erledigen, doch ich sagte mir, wenn ich nicht sofort reagiere, bleibt dein Beitrag hier liegen und versickert. Ich "prokrastiniere", dieses schrecklich schöne Fremdwort habe ich von Sascha gelernt dank seinem wunderbaren Youtube-Link, den ich mir immer wieder angesehen habe. Und als ich gestern das Wort bei meinem französischsprechenden Psychiater nordafrikanischer Herkunft herausdrückte, war er so was von platt vor Staunen, dass ich es kannte, und gratulierte mir dazu :P

Du hast richtig gelesen, Detlev, Psychiater. Die müssen schliesslich auch leben, die Ärmsten, und unsereins darf sich Hilfe holen, wenn es eines Tages einfach nicht mehr weiter gehen will.

Also bin ich in die Lebensphase eingetreten, wo sich wohl noch "Bahnbrechendes" ereignen kann. Ein bisschen macht mir das Angst, und ich frage mich täglich, ob ich vieles gründlich genug falsch mache, um eines Tages schlicht allein und mit nichts dazustehen und vorn vorn anfangen zu müssen.

Wenn alles zittert, wackelt um mich herum und ich beim besten Willen nicht weiss, wie ich den Tag überstehen soll, gehe ich in mich, schicke ein Stossgebet nach oben, rufe um Hilfe, und dann überlebe ich. Klappt immer irgendwie mit der Hilfe von oben. Also habe ich verstanden: Der Glaube versetzt Berge.

Darum lasst uns jetzt daran glauben, dass nächste Woche FRÜHLING ist!

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Re: Mittlere Reife

Beitragvon detlevwalther » Fr 12. Mär 2010, 13:29

Liebe Pluto,

als ich schrieb, da werde wohl nicht mehr viel kommen meinte ich das zeitlich. Es ist ein Unterschied, ob man – rein statistisch betrachte - noch 50 Jahre oder 20 +/- vor sich hat.

Als ich meine jetzige Frau kennenlernte, war ich 64 und glaube mir, es ist kein Unterschied ob man 20 oder 65 ist. Es kribbelt in jedem Alter und auch an den gleichen Stellen.

Natürlich geschehen immer noch bahnbrechende Ereignisse und hinterher oder während sage ich mir oft – damit hast du nun wirklich nicht gerechnet. Zum Beispiel mein Buch. Wenn mir das jemand vor anderthalb Jahren prophezeit hätte, wäre ich vermutlich in Gelächter ausgebrochen. Ja, und das nächste Buch ist in Arbeit, soweit es mich betrifft, beinahe fertig.

Eines habe ich in den letzten 68 Jahren gelernt, die sind es, die ich auf dem Buckel habe: Man darf keine Angst haben. Mal abgesehen von Naturereignissen, die unkontrolliert Instinkte in Gang setzen, ist Angst der allerschlechteste Ratgeber. Ich könnte das jetzt endlos fortsetzen und mit Beispielen aus meinem Leben garnieren – Angst ist tabu. Manchmal geht es nicht ohne fremden Rat, sei es der Pfarrer, der Freund oder auch der Psychiater. Bei mir sind es Freunde, sehr wenige, an einer Hand aufzuzählen, die wenigen sind verlässlich.

Ich habe viele bunte und ereignisreiche Jahre hinter mir und die Zukunft wird auch bunt sein, weil wir z.B. überlegen, in ein anderes Land zu gehen. Aber eben auf weniger Jahre verteilt, deshalb konzentrierter.

Zwei weitere Bücher gehören dazu – wenn der Verleger mitspielt. Schaun mer mal. In einem geht es um es meine Zeit in Moskau und Zürich und um einen guten Schweizer Freund, der mit dem Leben nicht fertig wurde und an Alkohol und Drogen mit 52 Jahren starb. Im dann - vielleicht - noch folgenden Buch soll es um die Zeit bei der Marine gehen, ich war gerade aus dem Ei gekrochen. Zukunftsmusik. Notizen existieren – und mein guten Gedächtnis.

Nochmal zum Leben und zur Angst. In Hamburg sagt man – dat löppt sich aal torecht.

Gruß Detlev
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