15.) Gib mir das Kommunikationskozept, Herrgott nochmal!

Von einem Schriftsteller, der auszog, als Texter zu arbeiten

15.) Gib mir das Kommunikationskozept, Herrgott nochmal!

Beitragvon nggalai » Sa 10. Okt 2009, 13:56

Ich hatte in anderen Glossen angedeutet, daß sich manche Texter gerne pompös als „Kommunikationsberater“ bezeichnen. Ergibt ja auch irgend wie Sinn – guter Text ist nie losgelöst von der Gesamtkommunikation eines Kunden. Der Text muß sitzen wie der maßgeschneiderte Anzug aus dem letzten London-Urlaub. Also liegt es nahe, daß die Texterin auch „Konzept“ anbietet. In einer idealen Welt setzt jeder Auftragsgeber entweder bereits so etwas ein oder verlangt auf Knien danach, ihm ein solches Dingens auszuarbeiten.

Ja, ja. Die ideale Welt. Wo der Blick auf reißerische Schlagzeilen verzichtet und die NZZ sich öffentlich für das hässliche Redesign der Zeitung entschuldigt. Die ideale Welt, wo sich alle lieb haben und es trotzdem nicht arschlangweilig wird. Die ideale Welt, wo das Wetter immer zu aktueller Stimmungslage und Wärmebedürfnis paßt, und zwar für jeden Menschen individuell, gleichzeitig. Genau.

Mein Sarkasmusdetektor schlägt gerade aus. Soll ich wirklich weiterlesen?

Natürlich. Aber ich schlage vor, den Detektor auf „stumm“ zu schalten, sonst legt gegebenenfalls der Nachbar einen brennenden Beutel mit Hundekot vor deine Haustür.

Kommunikationskonzepte sind gut und auch wichtig, zumindest dann, wenn der Auftraggeber einen professionellen Eindruck hinterlassen will. Die wirklich großen Firmen, besonders die multinationalen, haben entsprechend eigene Vademeca, die nicht selten umfangreicher als Dan Browns letzter Gehirnabfall sind. Die Sekretärin, der Abteilungsleiter, der Texter schlagen „Dorftrottel“ nach und finden den abgesegneten Euphemismus „Der geschätzte Kunde“. Das ist praktisch für den Schreiberling und praktisch fürs Unternehmen. Stichwort Public Relations.

Neben einem Vademecum besitzen fast alle Firmen auch ein „Corporate Design“, beides zusammen soll die „Corporate Identity“ verbindlich definieren. Da findet der geneigte Webdesigner dann den Hex-Wert für den Grauton auf der Website und der Layout-Mensch den Millimeterabstand, den das Logo von der linken Blattkante aus haben soll.

Alles schön praktisch, alles schön festgelegt. Eine ganze Herde von Beratern, Designern, Feng-Shui-Spezialisten und memetischen Ingenieuren hat sich darum gekümmert und anständig Geld damit verdient.

Aber ist logisch, sobald ein freier Mitarbeiter etwas gestalten soll, sei es in Wort oder Bild, sind die dicken Broschüren gerade nicht auffindbar. Eine lange Zeit glaubte ich an Murphys Gesetz, aber mittlerweile bin ich zum Schluß gekommen, daß die Firmen sich selbst nicht sonderlich dafür interessieren. Es wird wohl irgend einen DIN-Paragraphen geben, nach dem man zertifiziert wird. Dann darf man ein weiteres dummes Logo auf die Website knallen, um die „geschätzten Kunden“ zu beeindrucken. Wahrscheinlich ist das Logo goldfarbig und paßt nicht in die CD-Richtlinien des Unternehmens, aber hey – wat mut, mut.

Aber ich schweife ab. Fakt ist, daß man als Texter oft schon schräg angeschaut wird, wenn man so einfache Fragen stellt wie: „Duzen Sie Ihre Kunden?“ oder „Verwenden Sie Eszett, und wenn ja, nach alter oder neuer Regelung?“ In den wenigsten Fällen konnten mir Projektleiter darauf vernünftige Antworten geben. Vernünftig wäre „Ja, Eszett nach Adelung“. Unvernünftig ist „Hm. Da habe ich noch nicht drüber nachgedacht. Ich setze mal ein Meeting mit meinem Chef an. Ich melde mich wieder“.

Geht es dann ums Stilistische, nun ja. Ich behaupte nicht, daß der gemeine Projektleiter keinen Sinn für Stil hat. Ganz im Gegenteil, die Leute können sehr, sehr pingelig werden. Aber sie können ihre Wünsche nicht adäquat in Worte fassen. Das dürfte auch der Grund sein, weswegen sie bereit sind, mal kurz ein Bündel Geldscheine auf den Schreibtisch des Texters zu legen. So wie in diesen Mafia-Filmen, nur digital via E-Banking. Aber ich schweife schon wieder ab.

Viele Kunden haben zwar eine Vorstellung davon, was sie haben wollen, aber können sich nicht ausdrücken. Dann helfen auch Hinweise wie „jugendlich!“ oder „seriös!“ nicht weiter. Man steht als Schreiberling ohne Pferd in der Pampa und schleppt sich in „Reviews“ von Wasserloch zu Wasserloch.

Ernsthaft, liebe Auftraggeber: Wenn ein Kommunikationskonzept vorhanden ist, dann drückt’s dem Texter in die Hand. Wenn Ihr keines habt und eher zu den „Großen Spielern“ gehört, dann laßt Euch eines erarbeiten. Das freut nicht nur den Feng-Shui-Meister, sondern auch den kleinen Textarbeiter, der lieber einen Gin&Tonic hätte als noch ein Review-Meeting, in dem er zu hören bekommt: „Nicht schlecht, aber irgend etwas stört mich daran, ich komme nur nicht drauf, was genau“ …
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Re: 15.) Gib mir das Kommunikationskozept, Herrgott nochmal!

Beitragvon paperbackwriter » Sa 10. Okt 2009, 14:19

Wer nicht lügen will, der muss wahrhaftig sein - zu anderen, aber zunächst zu sich selbst. Wenn daraus ein Text entsteht, umso besser. Wenn er dann noch gelesen wird, noch besser. Für das Verstehen sorgt er selbst.

pbw
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Re: 15.) Gib mir das Kommunikationskozept, Herrgott nochmal!

Beitragvon zora » Sa 10. Okt 2009, 23:48

lieber sascha

ich habe eben deinen neuesten blogbeitrag gelesen und bin, wie immer, hin und weg von deinem wortwitz und deinem gnadenlosen formulieren von real existierenden momenten. und so danke ich dir für deine zukünftigen threads und stosse mit einem glas sherry auf dich an. möge die göttin des wortes und der hüter des sarkasmus ihre hände beschützend über dich halten.

cheers!
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