16.) Dinner for Two oder Vier Augen Hören mehr als Zwei

Von einem Schriftsteller, der auszog, als Texter zu arbeiten

16.) Dinner for Two oder Vier Augen Hören mehr als Zwei

Beitragvon nggalai » So 8. Nov 2009, 14:12

In früheren Glossen ließ ich durchscheinen, daß viele Texter eigenbrötlerische Egomanen sind. Niemand soll ins Getippsel quatschen. Und wenn der Kunde unzufrieden sein sollte, nun ja, dann ist das dessen Problem. Auch die Einmischung von Lektoren und Textredakteuren wird eher mit Argwohn beäugt. So ähnlich wie das Stück Käse vom Sommer 2001, das noch immer in Plastik gewickelt im Kühlschrank liegt und eine Generation Schimmel beherbergt, die gerade die Keilschrift erfunden hat. Aber ich schweife ab.

Kurz gesagt: Die Großzahl der Texter und Autoren möchte gerne ihr Ding durchziehen. So auch ich. Aber diese Woche habe ich etwas Interessantes erlebt, als ich mit einem befreundeten Schreiberling am Mac saß. Wirklich, wirklich interessant.

Irgendwie klingt das schmutzig und mein Kopfkino geht gerade los …

Nein, nein! Nein. Total unschmutzig, Internet-Pornographie war nicht involviert. Aber – wir haben einen Text redigiert. Gemeinsam. Gemeinsam! Und ich fragte mich anschließend, ob ich den Einsiedler-im-Wald-Narr-aufm-Hügel-Ansatz verwerfen sollte.

Wir kannten uns zwar schon ein ganzes Weilchen, auch unsere Texte und ästhetischen Präferenzen. Aber keinem von uns wäre die Idee gekommen, jetzt gemeinsam Marketingblubber für ein Handwerksgewerbe zu überarbeiten. Ich fragte an einer besonders kritischen Stelle nach Vorschlägen, dreißig Sekunden später saßen wir am Rechner, tranken Bier und brachten die Texte in Form.

Und es war … spannend. Ich kann nur jedem Textarbeiter empfehlen, es auch einmal mit einem Partner zu versuchen. Es macht Spaß und, na ja, vier Hirnhälften sind besser als zwei. Außer einer der Schreiberlinge hat Syphilis oder gerade einen psychotischen Schub. Dann bleibt es zwar meist lustig, aber der Kunde wird sich wohl fragen, was das Ganze soll. Und die Finanzierung weiterer Bier-Lektorate verweigern. Nicht schön.

Jedenfalls haben wir auch einige Sachen herausgefunden, die es bei der Zusammenarbeit zwischen Schreiberlingen zu beachten gilt. Entsprechend hier fünf Tips:

  1. Keiner ist der Boß. – Wenn man schon zusammenarbeiten möchte, sollte es auch gleichberechtigt bleiben. Klar, einer wird das Manuskript an den Kunden verschicken und muß gegebenenfalls den Kopf respektive die Telephonleitung hinhalten, aber das gibt ihm oder ihr noch lange nicht das Recht, einen auf König Arschloch zu machen.
  2. Pingpong zulassen. – Das Schöne an einer kreativen Zusammenarbeit ist das Hin- und Herspielen von Gedanken, Vorschlägen und Ideen. Je absonderlicher desto besser. Wenn die Sache hirnsturmmäßige Ausmaße annimmt, ist man auf dem richtigen Weg. Herumfuchtelnde Hände und erhobene Stimmen sind gute Indizien, daß man vorwärts kommt.
  3. Spaß muß sein. – Man darf auch gerne mal einen Entwurf mit interessanten Metaphern oder Beleidigungen versehen. Das fördert Punkt 2. Aber Achtung: Unbedingt sicherstellen, daß das korrekte Manuskript an die Auftraggeber geht. Die meisten Kunden finden es nicht sonderlich komisch, daß ihr Unternehmen als „Die Idioten-AG“ bezeichnet wird. Ausnahmen bestätigen die Regel.
  4. Auf Kollaborations-Werkzeuge verzichten. – Ja, ja, Google und Konsorten indoktrinieren gerade die ganzen Freischaffenden und kleinen Unternehmen, doch gefälligst auf diese komischen Internet-Plattformen zu wechseln. Da können mehrere Leute gleichzeitig an den Dokumenten werkeln! Woohoo! Tut mir ja schrecklich leid, aber so funktioniert eine fruchtbare Zusammenarbeit im kreativen Bereich nicht. Internet schön und gut, aber wenn man dem Mit-Texter nicht zwischendurch einen Wahrig an den Kopf werfen kann, läuft etwas schief.
  5. Betäubung hilft. – Okay, auch gute Tees, Zigarren und dunkle Schokolade sind nützlich. Aber mit einem Glas Whisky in der Hand kann der egozentrische Texter einfacher aus sich herausgehen und die Nähe einer ähnlich talentierten Person ertragen. Das Verletzungsrisiko für alle Beteiligten sinkt und das Manuskript wird schneller fertig, da man kein Blut aufwischen oder den Bestatter anrufen muß.

Rückblickend kann ich allen meinen Lesern nur raten: Probiert es aus. Vielleicht seid Ihr in Eurer Einsiedlerhütte glücklich und zufrieden, aber hey – auch der ärgste Soziopath hat zwischendurch mal Lust auf zwischenmenschlichen Austausch … ohne gleich in American Psycho oder 9 ½ Wochen abzudriften.

In diesem Sinne: Cheerio, Ms. Sophie!
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Re: 16.) Dinner for Two oder Vier Augen Hören mehr als Zwei

Beitragvon zora » So 8. Nov 2009, 17:10

au mann sascha

ich habe grosser erwartung deinen artikel gelesen (hey, der letzte erschien vor einem monat...) :shock:

jedenfalls muss ich dir mitteilen, dass du gerade mit deiner entmystifizierung meinen alten traum vom einsamen schreiben zerstört hast. vielen herzlichen dank.

ich meine, ich schreibe mit dreizehntel, aber die quatscht nicht drein, trinkt kein bier, sondern löscht höchstens entwürfe (was ja auch nicht unbedingt schlecht ist).

aber gemeinsames schreiben? ich weiss nicht.
würd mich echt wundernehmen, was die verehrten kollegen dazu meinen...

herzlich
zora
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Re: 16.) Dinner for Two oder Vier Augen Hören mehr als Zwei

Beitragvon paperbackwriter » So 8. Nov 2009, 18:59

Besonders die Empfehlungen sind ganz sicher mitten aus dem Leben gegriffen.
Von solchen eigenartigen Symbiosen habe ich gehört und auch schon eine kennengelernt, allerdings eher im Außenverhältnis wahrnehmend.

Für mich wäre es undenkbar. Dann schon eher den Rigi zu zweit ohne Sauerstoff.

freundlich
pbw
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Re: 16.) Dinner for Two oder Vier Augen Hören mehr als Zwei

Beitragvon nggalai » Mo 9. Nov 2009, 07:57

Moin Zora,

ja, ja, ich weiß. Ein Monat ohne Glosse. :( Bin auch ned stolz auf mich. Aber gewisse Artikel hatten Vorrang, genau wie das Novemberschreiben …

Das mit dem Reinquatschen und mit Bier in der Hand zu zweit zu arbeiten hängt natürlich entscheidend vom Auftrag ab. Immer kann ich das auch ned, aber das hat mir irgendwie schon gefallen. Dem Auftraggeber offenbar ebenfalls, auch wenn wir es mit den Mantiden-Kostümen eventuell übertrieben hatten. :D


Moin PBW,

es gibt auch Schriftsteller, die so arbeiten. Das Thema hatten wir ja kürzlich hier im Forum. Aber im Texter-Kontext (haha, das liest sich ja lustig!) habe ich das noch nie ausprobiert. Ich war überrascht, wie gut es funktioniert hat.

Aber Rigi ohne Sauerstoff muß ned sein. Ne ne.


Cheerio,
-Sascha
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Re: 16.) Dinner for Two oder Vier Augen Hören mehr als Zwei

Beitragvon kaengu » Mo 9. Nov 2009, 14:06

Endlich mal wieder einer von Deinen erfrischenden Beiträgen, auch wenn er, wie bei zora auch "meinen Traum vom einsamen Schreiben zerstört". Ich bin doch in dieser Sache ein rechter Eigenbrödler, aber wenn ich nun Deinen Beitrag lese, frage ich mich, ob ich nicht auch mal "schreiben zu zweit" ausprobieren sollte - hm. Jetzt müsste ich nur den richtigen Partner finden -hm. Nun werde mal darüber nachdenken, aber erst nach dem November...
Mit einem lachenden Auge und nach oben zuckenden Mundecken werde ich mich wieder an meine Geschichte begeben.
Herzliche Grüsse
kaengu
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Re: 16.) Dinner for Two oder Vier Augen Hören mehr als Zwei

Beitragvon Pegasus » Mo 9. Nov 2009, 19:19

Es kommt halt immer sehr darauf an, worum es geht. Nicht, dass ich jetzt eine grosse Erfahrung diesbezüglich hätte, aber ich habe während der letzten beiden Jahre ab und zu für ein Regionalblatt geschrieben, als freie Mitarbeiterin. Als ich mal einen Text (mein erstes Porträt) zusammen mit der für mich zuständigen Redaktorin redigieren durfte, fand ich das sehr okay, was vielleicht auch daran liegt, dass wir die gleiche Wellenlänge haben. Ausserdem habe ich viel lernen können bei der Sache. Was mich aber genervt hat war, wenn Texte einfach so abgeändert wurden und manchmal Fremdfehler entstanden. Hat aber natürlich auch viel mit verletzem Stolz zu tun (Hallo? Ich kann doch schreiben...)
Vorstellen könnte ich mir schon, mal mit jemandem zusammen an einem Projekt zu zu schreiben, à la "Borger und Straub". Aber dann muss man sehr ähnlich gewickelt sein, sost funktioniert das wohl nicht.
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