18.) Eine Liebeserklärung, nicht nur an Katzenkotzkekse

Von einem Schriftsteller, der auszog, als Texter zu arbeiten

18.) Eine Liebeserklärung, nicht nur an Katzenkotzkekse

Beitragvon nggalai » Fr 5. Mär 2010, 17:48

Diese Glosse ist eine Fortsetzung meines Blubbers über Arbeitswerkzeuge für Texter. Jetzt jedoch möchte ich mich auf den schriftstellerischen Aspekt konzentrieren. Denn schließlich lesen hier auch geschundene Autoren mit, und da ich die letzten Monate fast ausschließlich so mein Bier zu finanzieren suchte … Ja, das wird ein Artikel, der ein wenig aus dem Rahmen fällt. Auch in der Länge, wofür ich mich entschuldige. Aber es liegt mir am Herzen.

Bier, aha. Ich rieche die redselige Umarmung des Alkohols!

Nein. Aber es bestehen Unterschiede zwischen dem, was ein rein-kreativer Schreiberling benötigt und dem, was ein Auftragstexter im Griff haben sollte. Ganz ehrlich gesagt – das hier ist eine Liebeserklärung. Ja, eine Liebeserklärung. An Katzenkotze.

O…kay … hrm … jo … Mach ma …

Anders als die Wehklagen der dienstleistenden Textarbeiter klingen die Auswürfe der künstlerischen Schreibenden weniger nach «Argh! Muss was Marktkonformes einreichen!» sondern mehr nach «Mich lenkt alles ab!»

Daraus entwickelte sich auf verschiedenen Computersystemen eine regelrechte Industrie der ablenkungsfreien Schreibumgebungen. Sei es der spartanische Ansatz von myTexts, der Charme à la Matrix von WriteRoom oder der Zen-Ansatz wie bei Ommwriter – Kreative wollen offenbar nicht abgelenkt werden. Selbst Apple machte bei der aktuellen Version ihrer Textverarbeitung Werbung damit: Vollbildansicht des Textes ohne blinkendes Gedöns oder auch nur der Uhr im Blickfeld.

Wurde hier ein echter Bedarf des digitalen Schreiberlings entdeckt? Oder eine Marktlücke erschaffen? Der Zyniker in mir sagt sich: Nun ja, man könnte die ganzen Chat-Programme, Mail-Prüfer und Web-Browser ja auch einfach ausschalten. Oder das Internet-Kabel abziehen. Wo ist das Problem?

Das «Problem» ist einfach zu identifizieren, wenn man sich nicht vom ganzen Hightech-Shit (in memoriam George Carlin) beeindrucken lässt: Die meisten Autoren wollen konzentriert und in sich versunken arbeiten. Nur so stellt sich der vielbeschworene Flow ein. Dieser beinahe mystische Zustand, wo man seine Umgebung kaum noch wahrnimmt und eins mit dem Universum wird. Oder zumindest mit seiner Arbeit. Oder der Katze, die hypnotisch nach dem nächsten Anti-Kotz-Keks miaut. Aber ich schweife ab.

Genau hier gehen mir diese ganzen Programme nicht weit genug. Man mag das Aussehen eines Computers aus den 70ern kopieren können, auch noch Schreibmaschinengeräusche oder wie bei Omm komische pseudoasiatische Musik abspielen … Die Schreibenden sitzen noch immer an einem Computer. Man tippselt. Man verwendet ein Gerät, das als die Kommunikationszentrale des modernen Menschen gilt. Dabei will man die Kommunikation ja selbstbezogen halten. Kleinhirn an Leber, Kleinhirn an Leber, mehr Alkohol! Oder so.

Eine Liebeserklärung an den Alkohol? Also doch!

Nein. Man mag von solchen Substanzen halten, was man will. Jedoch: Das hier ist eine einfache, schon fast rustikale Liebeserklärung. An Notizbuch und Stift.

Will man ohne Ablenkung schreiben, seine kreativen Ergüsse ohne informationelles Kondom respektive kommunikative Pollution aufs Papier bringen, dann geht nichts über, nun ja, Papier. Man mag sich mit komischen Programmen für viel Geld vom Internet und tickender Uhr abschotten; der Thesaurus und der Wikipedia-Download und die Rechtschreibkorrektur liegen immer noch viel zu nahe. Man weiß es und reagiert instinktiv so: Jo, wenn mir das Wort nicht einfällt, muss ich ja nur klicken. Man ist in einem Kontext gefangen, in einem Locus. Wer jetzt Assoziationen zur Defäkation hat, der darf sich bestätigt fühlen.

Also wie jetzt???

Schreibt man einen «Roman, der dem ästhetischen Prinzip der Intertextualität folgt» (frei nach Hegemanngate) ist man darauf angewiesen, schnell und bequem Material zu finden und sein eigenes Getippsel damit abzugleichen. Klar. Aber nicht nur in der Psychoanalyse zählen die Gedanken, die aus einem selbst raussprudeln, unkorrigiert und ohne Kontext zur großen weiten Welt, oft mehr. Schriftsteller wollen doch ihre eigenen Gedankengänge, wie wirr sie auch sein mögen, niederschreiben, oder? Unbeeinflusst? Letzteres zumindest ist die Existenzbegründung für einen ganzen Haufen Software da draußen. Und auch für Dinge wie das Novemberschreiben oder den NaNoWriMo. Inneren Zensor ausschalten. Also weshalb macht man vor dem äußeren halt?

Ergo: hey, let’s go archaic! Gutes Notizbuch her, Stift her. Fertig. Persönlich bevorzuge ich die Produkte dieser italienischen Firma, die sich auf eine französische Marke beruft. Und Kugelschreiber amerikanischer Provenance. Andere kommen mit deutschem Papier und Filzschreibern weiter, wieder andere stellen nichts über den HB-Bleistift aus der Papeterie, die schon zu Kindheitszeiten das schönste Schaufenster hatte. Das mit den Elchen aus Pappmaché und dem vielfarbigen Karton aus dem Künstlerbedarf. Aber ich schweife schon wieder ab.

Krämpfe gehören dazu, logisch. Wer die letzten zehn Jahre nur mit chinesischen Plastiktastaturen zu tun hatte, statt sich um die fernöstliche Kalligraphie zu bemühen, wird Mühe haben. Erträgt man die ersten Schmerzen und schmeißt Magnesium ein, tun sich aber Welten auf.

Die eigenen Welten. Losgelöst vom literarischen oder orthographischen oder kommunikativen Kontext. Ganz ohne Kon-, nur -Text.

Ich war überrascht, wie viel freier ich so wurde. Und wie viel bedachter; meine Rückenschmerzen reichen mir, die Hände sollen verschont bleiben. Nach einer Weile erreicht man diesen eigenartigen Status der «Prä-Visualisierung», der von guten Photographen angesichts des Digikamera-Booms immer wieder bestärkt wird: Man weiß, was man schreiben will. Man zeichnet es nur noch mit dem Stift nach.

Klar, dass das oft nicht das Niveau der Pseudo-Kreativität transzendiert. Überarbeiten muss man aber sowieso immer. Einen unschlagbaren Vorteil hat dieser Ansatz jedoch selbst für Technophile: Funktioniert immer, überall. Im Bus, in der Warteschlange des Arbeitsamts, nach dem Beischlaf, während man die Kotzkekse für die Katze sucht. Papier und Stift sind jederzeit einsatzbereit, ganz anders als das sauteure Notebook, das seinen Akku geladen haben will.

Diese Abschottung von der großen weiten Welt – oder dem World-Wide-Web, je nach Gusto – mag anachronistisch erscheinen. Aber einen Versuch ist es definitiv wert. Und sei es nur, weil man sich so die nächste teure Schreibumgebung-für-Autoren sparen kann. Das Geld ist wirklich besser in Alkoholika angelegt. Oder Katzenfutter.
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Re: 18.) Eine Liebeserklärung, nicht nur an Katzenkotzkekse

Beitragvon zora » Sa 6. Mär 2010, 08:58

lieber nggalai

endlich schreibst du über notizbücher! ich freue mich immer, wenn du etwas aus der sicht des profis schreibst.
in meiner wohnung habe ich eine eigene notizbücherkiste. es ist nämlich gar nicht so einfach, das richtige papier zu finden.

ich persönlich ziehe unliniertes, feines papier vor. meine besten erfahrungen habe ich (logisch) mit moleskine und semi colon gemacht. vor bald zehn jahren gabs bei cachet tolle grosse notizbücher. die habe ich geliebt.

ich habe verschiedene lieblingsschreiber. ich mag den kugelschreiber aus metall von caran d'ache, den pentel gel-schreiber und bleistifte, die nicht zu dünn und nicht zu weich sind.

vielleicht könntest du als nächstes mal über schreibumgebungen, tastaturen und schreibtische schreiben?


herzlich
zora
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Re: 18.) Eine Liebeserklärung, nicht nur an Katzenkotzkekse

Beitragvon nggalai » Mo 8. Mär 2010, 08:46

Liebe Zora,

danke für Deine Rückfütterung! Ja, Moleskine mag ich sehr. Ich hab mich ewig geweigert, die Dinger auszuprobieren – mich nervte zuerst das Marketing, als wollten Sie „Möchtegerns“ ansprechen. ;-) Aber das Papier ist super, die Bindung stabil. Genau das, was man von einem Notizbuch erwartet.

Da kann ich auch das Name-Dropping verzeihen.

Mit den Caran d’Aches habe ich ewig geschrieben. Zehn Jahre oder so? Als ich dann aber häufiger in Deutschland und England unterwegs war, hatte ich Probleme, diese komischen „Goliath“-Minen aufzutreiben. Also bin ich auf Parker umgestiegen. Da bekommt man oft sogar am Kiosk Ersatzdinger.

Tastaturen wäre vielleicht was für Nummer 19.). Und Schreibumgebung = wo man schreibt? Das klingt super! Danke für den Gedankentritt!

Cheerio,
-Sascha
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Re: 18.) Eine Liebeserklärung, nicht nur an Katzenkotzkekse

Beitragvon Novita » Mi 10. Mär 2010, 00:45

Genialer Text, einmal mehr, danke !

Ich schreibe die meiste Zeit von Hand, auf Papier, ohne Computer. Moleskin liebe ich auch. Und dann bekomme ich immer wieder mit handgeschöpftem Papier selber gebundene Büchlein geschenkt, auf welche ich allerdings nicht schreiben mag aus Respekt vor dem Werk. Tja, und meistens habe ich ein ganzes Etui voller Schreiber bei denen doch nur der Bleistift auf sicher funktioniert.

Früher habe ich extra verschiedene Bleistiftminen -Stärken gekauft ( 2B, B, HB, 2 H) . Ich war so fasziniert wie unterschiedlich diese Dinger, obwohl sie fast gleich aussahen, auf dem Papier wirken konnten. Dies mehr zum Zeichnen, in der Zeit in der mir nichts Gescheites zum Schreiben einfiel. 8-)

So sind wir kreativen Schreiberlinge doch nirgends durch Ablenkung gefeit. :roll:

Die Katzenkotze könnte ich noch mit Hühnerkacke dopen. Auf die trift man bei uns, wenn man sich in einer Schreibpause wohlverdient die Füsse im Garten vertreten will. Wie das riecht, und die Spuren durchs ganze Haus hinauf, also ..... lassen wir das.

Liebe Grüsse

Novita
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