17.) Karriere, Anthologien und der Mailänder Dom

Von einem Schriftsteller, der auszog, als Texter zu arbeiten

17.) Karriere, Anthologien und der Mailänder Dom

Beitragvon nggalai » Do 24. Dez 2009, 14:45

Ein Texter schafft sich einen Namen dadurch, guten Text zu liefern. Kann er sich dann auch noch anständig präsentieren, steht es auch um den Biervorrat im Kühlschrank nicht all zu schlecht. Auch klar: Nicht nur während Wirtschaftskrisen klammert man sich an Stammkunden wie ein verängstigter Bonobo an die Genitalien anderen Bonobos. Stammkunden sorgen dafür, daß man kalkulieren kann. Ihr wißt schon: „Darf ich mir im Februar den neuen Drucker leisten, oder muß ich dafür auf Toilettenpapier verzichten?“ Solche Dinge.

Aber wie macht das ein Autor? Der hat ja eher selten eine Stammkundschaft sondern ist ständig auf der Suche nach Veröffentlichungsmöglichkeiten. Schreibt man regelmäßig Artikel für Magazine oder Websites, nun ja, dann fällt die Kalkulation einfacher. Aber wie sieht es bei den ausschließlich schöngeistigen Schreiberlingen aus?

Hoffentlich ist da kein Affen-Sex involviert …

Zumindest wenn man keine Biologie-Thriller (oder eigenartige Glossen) tippselt, sollten die rekreativen Tätigkeiten von Primaten eine eher geringe Rolle bei der eigenen Karrierebildung spielen.

Prinzipiell ist der Ansatz aber derselbe wie bei Textern: Sich einen Ruf erarbeiten, seine Person „vermarkten“ und nach Stammkundschaft suchen – in Form eines Verlagsvertrags über mehrere Bücher. Bei Unterhaltungs-Autoren spielt auch der Faktor „Glück“ eine nicht zu unterschätzende Rolle. Zumindest dann, wenn man es zum Bestseller-Heini bringen möchte. Du kannst die besten Romane aller Zeiten schreiben, den wirklich großen Durchbruch schaffst du erst, wenn mal Hollywood vorbeikommt und ein David Fincher oder so dein Werk verfilmt. Mal ernsthaft, wer las schon Palahniuk vor der Verfilmung von „Fight Club“?

Ohne solche Glücksfälle ist mehr oder minder viel Einsatz angesagt. Hocharbeiten, wenn man es so nennen möchte. Die meisten deutschsprachigen Autoren haben entsprechend neben ihrer Schreibarbeit auch einen Tages-Job. Miete und Katze müssen ja auch irgendwie finanziert werden.

Nun ja: Baby steps. Den Ruf erarbeitet man sich mit Veröffentlichungen. Oder einem Schandmaul und / oder provokanten Themen à la Charlotte Roche. Die allerdings auch erst als Moderatorin für VIVA bekannt und geehrt werden mußte, bis der Verlag sie deftig mit Marketing unterstützte. Aber ich schweife ab.

Wo waren wir? Ah ja, Veröffentlichungen. Ein erster Schritt für viele Autoren sind Kurzgeschichten. Und die Sammlungen davon, die so genannten Anthologien. Diese Dinger haben meist ein klares Thema und die Autorinnen werden über Ausschreibungen gefunden. Das Witzige daran ist, daß sich Anthologien in etwa gleich mies verkaufen wie Gedichtsammlungen – also, aus Sicht der größeren Verlage. Ein Kleinverlag macht schon Luftsprünge, wenn er zweihundert Exemplare verticken kann.

Vielleicht hat man als Schreiberling nicht viel daran verdient, aber für einen Kasten Bier sollte es reichen. Vor allem jedoch: Man gilt als publiziert. Weil, nun ja, ein Herausgeber meinte „Jo, gut genug fürs Buch“. Ohne, daß der Autor dafür bezahlen mußte. Es eröffnen sich jetzt neue Möglichkeiten: Man kann bei etwas eitleren Wettbewerben mitmachen. Ihr wißt schon – die, an denen nur veröffentlichte Autoren teilnehmen dürfen. Solche Ausschreibungen sind in der Regel auch besser dotiert und die dazugehörigen Anthos erscheinen in größerer Auflage. Und dann geht das Schritt für Schritt so weiter. Es schadet auch nichts, wenn man relativ früh an seinem „Image“ arbeitet. Oben genannter Palahniuk hat als einen der wichtigsten Punkte in seinen Jungautoren-Regeln: „Laß professionelle Autoren-Photos von dir machen, wenn Du noch jung und knackig bist.“ Ja, Selbstvermarktung halt.

Lassen wir das mal weg. Wie soll ich denn an Ausschreibungen kommen?

Foren lesen, Newsletter abonnieren, Zeitung studieren … Informiert bleiben. „Kein Mensch ist eine Insel“ und so. Mal mit anderen Schreiberlingen austauschen, nachfragen; bei veröffentlichten Anthologien den Verlag und die Herausgeber notieren, dann im Netz danach suchen. Schon findet man wirklich sehr, sehr schnell passende Ausschreibungen. Also, Ausschreibungen, die mit der eigenen Schreibarbeit harmonieren.

Ist klar – einfach immer und überall mitmachen bringt wenig. Jemand, der eigentlich Nackenbeißer schreiben möchte, dürfte bei Horror-Ausschreibungen eher suboptimal besetzt sein. Außer, es geht um Vampir-Geschichten, was angesichts des gegenwärtigen Twilight-Hypes durchaus passen könnte.

Konzentriert man sich auf seine Stärken, statt einfach breitband überall mitmachen zu wollen, geht es auch schneller vorwärts. Und mit weniger Streß. Lieber bei sieben Ausschreibungen im Jahr Texte einreichen und zwei Mal gedruckt werden, als bei fünfzig Wettbewerben Texte einreichen und trotzdem nur zwei Mal einen Abdruck gewinnen. Dasselbe hatte ich schon in Sachen Texterei geschrieben: Flexibel bleiben, ja, aber wenn man seine Stärken kennt und sich darauf konzentriert, ist es einfacher, sich zu etablieren. Zumindest dann, wenn man sich handwerklich nicht all zu ungeschickt anstellt.

Dann stolpert vielleicht noch ein Verlag über eine der Veröffentlichungen, oder findet die Selbstvermarktung auf Facebook oder in Blogs witzig … Und fragt nach einem Buchmanuskript zum Kernthema. Noch kurz einem Staatsmann den Mailänder Dom ins Gesicht rammen und ab geht’s mit der Karriere. Merke: Auch ein Knastaufenthalt oder die Psychiatrie können verkaufsfördernd wirken.

Und wenn die Verlage alle so böse sind und nur auf die Publicity der Autoren setzen, nun ja, dann muß man doch mitspielen, oder nicht?
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Re: 17.) Karriere, Anthologien und der Mailänder Dom

Beitragvon fanfan » Fr 25. Dez 2009, 23:55

@Sascha

Echt guuuet geschrieben! Wirklich! habe mit Vergnügen ein paar Mal gelesen. Und nun habe auch ein paar Gedanken bekommen zum Thema.

Darf ich fragen auf welche bestimmte Themen text denn der Texter?

Stichwort Selbstvermarktung. Ich denke, dass die eine Naturgabe ist. Es gibt solche Personen, die diese Gabe von der Geburt her haben. Sie machen eigentlich nichts Verrücktes dafür, aber die Vermaktung läuft wie von selbst. Picasso sollte so ein Natur-Selbsvermakter sein (weder jung noch schön und trotzdem...), die Autorin Zadie Smith, der Starbucks-Chef...
Der Verlag, Veröffentlichung, eine Marke des Produkts etc. etc. - all das spielt natürlich eine Rolle, aber es gibt auch viele (Autoren, Stars etc.), bei denen die Vermarktung angepuscht wird, es haut aber trotzdem nicht hin. Trotz Veröffentlichungen, Marketingen etc. Darum so was wie Jungautoren-Ratgeber finde ich doof. Das beste Autoren-Foto nützt nichts, wenn naja, dieses Etwas nicht vorhanden ist.

Den grossen Durchbruch schafft man, denke ich, weniger mit Hollywood - klar, das auch, aber nur das allein reicht nicht. Was ist denn mit dem Buch "Für immer Casablanca" geworden und das trotz dem verrückten Marketing. Wer kennt das Buch noch? Und den Autor? Wie hiess er überhaupt?

Aus irgendeinem Grund gilt der arme Maler Van Gogh heute als Star. Oder seine Bilder, oder seine Geschichte. Weiss nicht wieso, aber Van Gogh ist etwas was naja - wenn man keine Ahnung über Rafael und Leonardo hat, kennt man Van Goghs "Sonnenblumen" oder "Irisen" zumindest von den Regenschirmabbildungen. Dasselbe gilt für Modigliani. Diese Künstler sind HEUTE schick, sie sind "in", aber während ihren Lebzeiten konnten sie kaum ein Bild verkaufen. Warum? Vermarktet sie jemand so geschickt oder treffen sie einfach heute den Zeitgeist?
Warum nicht Renoir, warum Van Gogh?

Ich denke, das hat mehr mit dem Gefühl der Zeit zu tun und mit Bedürfnissen des Publikums, die man intuitiv wahrnehmen könnte. Heute kann man im Prinzip jeden Stuss unters Volk bringen. Aber nicht jeder hat die Gabe "hellsehen"-"hellspüren" was so ein Volk im MOMENT richtig bräuchte.

Ein Beispiel aus dem Kochbuchbereich.
Ich habe als Geschenk das Kochbuch "the hummingbird bakery cookbook" bekommen, das Nummer 1 Bestseller unter Kochbücher ist. In GB. Ist noch nicht auf Deutsch übersetzt, da dieses Jahr erschienen. Aber was dort "in" ist, kommt später oder früher auch hierher. Es geht im Buch über Cupcakes. Wer kennt das Wort Cupcake?

Tja, im November in der Aargauer Zeitung war ein grosser Artikel über Cupcakes. Es wurde eine zürcher Cupcake-Bäckerin erwähnt, "Sex and the City" und ...ich mit meinem Buch. Ich habe auch ein Cupcake Rezept im Buch und ein Foto dazu. Cupcakes aus der schäbigen Bäckerei in New York wurden in den USA populär - durch den Film (das was du meinst, ja, das Hollywood-Zeug). Dann kam die Mode nach England, aus England kommt die hierher. Die Bäckerei ist inzwischen weltberühmt und ein Touristen-Attraktion geworden, auch finanziell geht es der Bäckerei jetzt viel besser.

In der Schweiz servieren inzwischen viele Partyservices als Dessert Cupcakes, die eigentlich nicht sehr gesund sind - Fett, Zucker. Mini-Cupcakes sind "in", auch bei Firmenanlässen, bei Taufen, bei Hochzeiten. Ursprünglich waren sie nur für Kinder interessant. Jetzt freuen sich auch Erwachsene so ein rosa-rotes oder giftig-grünes oder schneeweisses Cupcake zu verdrücken, weil sie wecken irgendwelche Emotionen, Leute brauchen diese Süssigkeiten wahrscheinlich.

Etwa 4-5 Jahren vorher schreibt eine Autorin X aus der Schweiz ein Kochbuch und erwähnt dort zum ersten Mal auf Deutsch diese Cupcakes. Ihr Buch verkauft sich so so lala, kein Hit, nichts Spezielles. Zu früh für Cupcakes. Wäre das Buch heute erschienen, was wäre, wenn?

Das ist nur ein Beispiel aus der Kochbuchreihe. Ich denke, dass bei Allgemeinthemen ist es auch so. Z.B. die deutsche Autorin Judith Hermann mit ihrem "Sommerhaus, später". Eine unbekannte Autorin veröffentlicht und verkauft sehr gut Kurzgeschichten, obwohl in Deutschland vielmehr Romane einen Wert haben.

Und was ist mit dem Twilight? Verkauft sich erstaunlich gut in Deutschland, obwohl die Autorin mit ihren Ansichten nicht gerade die modernste ist. Aber das Buch trifft die Sehnsucht der Generation...

Ja, wenn man einem mit dem Mailänder Dom ins Gesicht rammt, das kann vielleicht verkaufsfördernd wirken, aber eine Garantie ist das nicht. Was ist mit den Memoiren von Monica Lewinsky geworden? Sie haben sich trotz allem nicht gut verkauft...
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Re: 17.) Karriere, Anthologien und der Mailänder Dom

Beitragvon nggalai » Mo 28. Dez 2009, 08:11

Liebe fanfan,

danke! Nur um etwaigen anderen Lesern zu versichern: Der Text ist natürlich eine Glosse, incl. sarkastischer Übertreibungen. ;)

Texter können sich auf Genres festlegen, so wie es auch Autoren oft tun. Ich z. B. texte vorwiegend über IT-Themen und habe mich über die Jahre eher auf Redaktion konzentriert. Statt aufs „freie“ Texten. Letzteres machte ich in Agenturen lange genug, und es war zwar schön abwechslungsreich, mal was für einen Ami-Autohersteller zu tippseln und dann für ein Schweizer Tourismusbüro – aber wenn man oft die Branche wechselt, baut man halt keinen „Grundwortschatz“ auf und kennt auch die langweiligen Floskeln nicht. Man selbst findet eine Wendung vielleicht super-kreativ, dabei ist sie in DER Branche dermaßen ausgelutscht, daß dem Kunden das Gesicht einschläft.

Daher lieber auf ein, zwei Branchen konzentrieren. Wir leben in einer Zeit, wo die Universal-Genies nicht gerade oft vertreten sind und immer mehr nach Spezialisierung verlangt wird. Dieser Trend macht auch vorm Textarbeiter nicht halt.

Und meiner Meinung nach eben auch nicht vor dem belletristischen Autor.

Bei der Selbstvermarktung gebe ich Dir absolut recht. Ich mein, man kennt das doch noch aus dem Kindergarten oder der Primarschule … Da gab es auch immer die ein, zwei Kinder, die irgendwie immer aus Klassenphotos herausstachen oder die ständig zum Klassensprecher gewählt wurden. Nicht, weil sie sich bewußt super darstellen konnten, sondern weil sie es einfach hatten. „It-Girl“ vielleicht? ;)

Das mit dem Timing ist ein sehr wichtiger Punkt. Ich hatte den im letzten Textín in meiner Zuschußverlag-Glosse gestreift:

Aasgeier der Eitelkeit hat geschrieben:Das Argument „Wir haben Publikumsverlage geprüft; sie wollten nicht einmal Jane Austen annehmen und das ist Weltliteratur!“ greift nicht. Es sollte jedem einleuchten, dass die Grossen auch deshalb erfolgreich waren, weil sie nun mal den Nerv der Zeit getroffen hatten. Genau so gut könnte man sagen, dass die gegenwärtigen Wissenschaftsverlage nur Idioten beheimaten. Weil sie Ptolemäus nicht akzeptieren würden, obwohl er die Grundlage für 1.000 Jahre Astronomie gelegt hatte. Historisch-inhaltlicher Kontext ist eben auch wichtig.

[…]

Vernünftig wäre es sich zu fragen, weshalb 89 Absagen den Schreibtisch zumüllen. Stimmt die Textqualität? Ist das Buch verlagsreif, also wirklich gut geschrieben, oder sollte ich nochmals mit Schere und Logik drüber? Bespreche ich vielleicht ein Nischenthema, das sich für einen Verleger finanziell nicht lohnt, weil sich weltweit 262 Leute überhaupt dafür interessieren? Passt es nicht zu den aktuellen und potentiellen Trends der nächsten drei, vier Jahre? Sollte ich das Manuskript vielleicht eine Weile in der Schublade lassen? In der Hoffnung, dass sich der Zeitgeist ändert?


Dein Cupcake-Beispiel paßt da perfekt. Danke! :)

Cheerio,
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