trauern für mutige

Panta Rhei - alles fliesst, das Schreiben und das Leben

Moderator: zora

Re: trauern für mutige

Beitragvon zora » Di 19. Jan 2010, 04:10

gestern war ein seltsamer tag. es war der 18.1. ich erfuhr gestern, dass eine arbeitskollegin und eine unserer betreuten am wochenende verstorben sind. der 17. ist eine spezielle zahl für mich. meine mutter starb an einem 17. mein bruder kam an einem 17. auf die welt. ich habe den ganzen tag normal gearbeitet. abends, nach dem essen, musste ich weinen.

meine ganzen, verarbeitet und aufgeräumt geglaubten, gefühle flossen hervor und durch meine tränen ab. ich hab rotz und wasser geheult. mir war plötzlich wieder präsent, wie unglaublich müde und kaputt ich mich nach mutters tod gefühlt habe. ich war einfach nur müde und wollte schlafen. mir fiel wieder ein, wie enttäuscht ich über ihren tod war. während wochen hatte ich ihre wohnung geräumt, während sie im pflegeheim war, und als ich endlich damit fertig bin (und genügend zeit für gespräche und den abschied gehabt hätte), stirbt sie.

mir fiel ein, wie lange die nacht vor ihrem tod war, wie einsam und mühselig. während ich an ihrem bett gewacht hatte, fühlte ich mich leer, traurig und unglücklich. diese gefühle waren einfach wieder da. ich konnte nichts dagegen tun.

ich frage mich, wozu diese erinnerungen, ruckartig und irgendwie mühsam, gut sind. geniesse ich mein leben zuwenig? ich meine, natürlich sollte ich mich jede freie minute ausruhen. aber das ist grad einfach nicht möglich. ich arbeite sehr viel, da wir krankheitsausfälle haben und ich bearbeite meine diplomarbeit. ich mein': füsse hochlagern wär toll. aber nicht angebracht.

natürlich schreibe ich nach wie vor. ich schreibe beim arbeiten und privat. ich lese viel, wenn ich auch nur berufsliteratur. ich freue mich auf meinen historischen roman, wenn märz rum ist. mir hilft reden, aber immer reden, besonders wenn man einen rauhen hals hat, ist nicht so eine gute idee.

ich sehne mich so sehr nach dem frühling. auch wenn er mich traurig macht, wenn ich daran denke, dass meine (toten) lieben nie mehr das knospen der apfelbäume sehen können. ich freue mich so sehr auf die aufkommende wärme, das flirren in der luft, die vielen vögel und die düfte. auch den sommer kann ich kaum erwarten: grillieren mit den nachbarn oder meinem vater und seiner frau. photosessions mit vaters hühnern und gockeln. stundenlanges herumliegen im gras, den kontakt mit den tieren.

es gibt soviel, wofür es sich zu leben lohnt. jeden morgen könnte man aufstehen und glücklich sein. bin ich normalerweise auch. ich bekomme mit, wie am anderen ende der welt katastrophen passieren, menschen wie tiere verrecken und wir in unseren nachrichten mit dem nacktscanner oder dem neuen leibchen der fussballnati konfrontiert werden.

dann muss ich mich sehr dagegen wehren, dass ich nicht mehr nur alles mit ironie abspeise und über allem stehe.
vielleicht ist in solchen situationen das zurückgespicktwerden in alte gefühle ganz nützlich. ich besinne mich auf meine werte, meine liebe zu den lebewesen in meiner umgebung und meine talente und bin dankbar, dass ich lebe.
Das Denken ist zwar allen Menschen erlaubt, aber vielen bleibt es erspart.
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Re: trauern für mutige

Beitragvon nggalai » Di 19. Jan 2010, 06:48

Liebe Zora,

ich kann das gut nachfühlen. Ich werde auch oft von speziellen Tagen „getriggert“, und wenn dann dort noch etwas vorgefallen ist …

Ich weinte letzte Woche, als ich die Unterlagen meiner Frau durchging. Ich hatte alles auf meinen Rechner kopiert, damit ich gegebenenfalls etwas suchen und der Schwägerin zukommen lassen kann („Du, Sascha, hast Du noch den Brief an die Rechtsschutzversicherung von 2007?“). Meine Gattin war hochtechnisiert, die Schwägerin jedoch hat vor allem Panik, das mehr als drei Knöpfe hat. Anyway.

Jedenfalls blätterte ich durch die Unterlagen. Vieles war doppelt und vielfach drauf (Danke, Word und Deine paranoiden Sicherheitskopien!). Und ich stieß auf Dinge … Erinnerungsphotos unserer Reisen … Kinderphotos … Unsere gesamten Chatlogs, im vollen Umfang …

Letzte Woche wurde das Weinen nicht durch ein Datum ausgelöst. Wobei, irgendwie schon: Heute wäre unser Hochzeitsmonatstag. Ich wollte wohl zuvor die Dinge durchschauen … Also hat das Datum mich indirekt beeinflusst.

Ich fürchte mich ein wenig vor dem Februar …

Alles Liebe Dir,
-Sascha
Sascha „nggalai“ Erni, .rbAngry Sascha is angry

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Re: trauern für mutige

Beitragvon paperbackwriter » Di 19. Jan 2010, 07:59

es gibt soviel, wofür es sich zu leben lohnt.


Es lohnt sich vor allen Dingen für Dich zu leben, liebe Zora.

Dein Leben ist einmalig auf dieser Welt.
Einmalig wie jedes andere und unverwechselbar.
So einmalig und einzigartig erleben Dich auch alle Anderen.
Deine Trauer ist ihre Trauer.
Deine Freude ist ihre Freude.

So lohnt es sich für uns zu leben und damit für die ganze Welt.

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Re: trauern für mutige

Beitragvon zora » Do 4. Feb 2010, 09:07

ich befasse mich gerade beruflich (und vor allem in meiner diplomarbeit) mit den teamentwicklungsphasen nach bender. vielleicht haben die einen oder anderen von euch damit beruflich zu tun. jedenfalls geht es in dem dingens um die verschiedenen phasen, wie eine gruppe von menschen zusammenarbeitet und das modell bildet ab, welche aufgaben sich dem team wann stellen.

die meisten phasenmodelle sind aufgebaut nach dem motto: kennenlernen-konflikt austragen-zusammenarbeiten.
das modell, womit ich mich befasse geht einen schritt weiter. es erwähnt die abschieds- oder abschlussphase. ich erwähne dies hier in diesem thread, weil es in dieser letzten phase um trauern geht. ich meine, in der arbeitswelt sind wir alle programmiert auf erfolg, konflikte lösen und zusammenarbeit. kaum einer mag daran denken, dass auch die tollste zusammenarbeit, das beste team vor einem abschluss steht, wenn ein mitglied geht.

das modell listet die aufgaben der mitglieder und der teamleitung auf. in der terminierungsphase steht man als leitung vor der aufgabe, die trauer zu ermöglichen und nicht etwa zu unterdrücken (etwas, was in unserer trauer- und manchmal lebensfeindlichen welt nicht ganz einfach ist.)
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Re: trauern für mutige

Beitragvon zora » Do 4. Mär 2010, 09:56

gestern haben wir mit einem feuer den kranken kollegen, der seit monaten nicht mehr da ist, verabschiedet.
wir haben zettel beschrieben auf denen wir erlebnisse und gedanken notierten, die wir mit dem kollegen weg gehen lassen wollen. schliesslich haben wir schöne erinnerungen notiert, die hier bleiben werden, auch wenn er nicht mehr da ist.
und wir haben uns wünsche aufgeschrieben, die wir für unser zukünftiges team haben.

dann haben wir alles verbrannt.


klingt jetzt etwas seltsam, ist es auch. aber ich bin überzeugt, dass menschen rituale brauchen für übergänge, die sie ohne nicht so gut meistern können. vielleicht ist diese sehnsucht nach der sinnhaftigkeit von menschlichen gefühlen und dem nicht begreifen derselben der grund für die begeisterung fremder und alter kulturen. ich erinnere da nur an die indianer.

eine kollegin hat gestern geschrieben, dass sie gerne ein ferienerlebnis-angebot für kinder anbieten würde. allerdings wurde es von den organisatoren abgelehnt, weil darin die bibel vorkommt. dieselbe organisation bietet aber edelsteinkurse an.
ich möchte das nicht werten, doch ich frage mich, ob wir fähig sind, unseren kindern mitzugeben, wie sie mit ihrem leben umgehen können. viele kinder wissen vieles aus dem fernsehen. doch wissen sie von uns älteren, wie sie dem tod zu begegnen haben? was es bedeutet, zu leben?

ich muss dabei an meinen ersten freund aus dem kindergarten denken. ich war damals fest überzeugt, dass wir heiraten. er war sehr klug und wusste schon mit sechs sehr viel über die natur. wir sind auf bäumen herumgeklettert, durch bäche gewatet und hatten eine eigene kleine welt für uns. wir spielten, wir wären indianer, ritter, robin hood. wir haben einmal eine tote katze begraben und sie nach einer woche wieder ausgebuddelt, weil wir sehen wollten, was mit einem leichnam geschieht.

er hat sich mit 17 jahren vor einen zug geworfen und liegt auf demselben friedhof wie mein bruder.
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Re: trauern für mutige

Beitragvon zora » Mo 8. Mär 2010, 22:57

ein guter freund von mir, ein arbeitskollege, erschien für mehrere wochen nicht mehr zur arbeit.
die einen munkelten, er hätte probleme, die anderen waren sich sicher.

2003, ich steckte noch in meiner ausbildung, war er quasi mein mentor. mit seiner ruhigen, rhetorisch sehr ausgeklügelten art, schaffte er es immer wieder, mich entweder in verlegenheit oder in die angriffsposition zu bringen. doch dann lernte ich, wie ich meine anliegen an den mann bringe. seine hochachtung und sein respekt waren mir gewiss. schwierige alltagssituationen im beruf begleitete er ruhig und still grinsend.
als ich nach dreieinhalb jahren den job intern wechselte, wunderte es ihn nicht. er wünschte mir glück.

er war krank geworden, doch sein schalk blieb unverändert. heute sprachen wir kurz. er wird sein leben verändern und ich weiss, ihm wird das gelingen, denn er ist mutig und besonnen zugleich. wenn er weggeht, werde ich ihn sehr vermissen, denn er hat, ohne es wirklic zu wissen, meine berufliche identität geprägt.


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Re: trauern für mutige

Beitragvon Novita » Mo 8. Mär 2010, 23:46

Schön und bereichernd deine Texte. In Gedanken antworte ich manchmal, oder dieses und jenes geht mir durch den Kopf. Meistens möchte ich gar nicht zu viel sagen, und sie einfach so stehen und wirken lassen.

Liebe Grüsse
Novita
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Re: trauern für mutige

Beitragvon Dada » Di 9. Mär 2010, 00:19

zora, ich bin dir sehr dankbar für diesen blog.
ich bin im verlauf des letzten jahres dem tod nach und nach begegnet und war erstaunt, herauszufinden, wie unerfahren ich war, wie tückisch die trauer ist, und wieviel angst sie auslöst. ich möchte lieber alles vergessen anstatt jeden moment die nachricht über den 6. todesfall zu erwarten.

am schlimmsten war für mich die ohnmacht. die erfahrung, einem geliebten menschen in der trauer einfach nicht helfen zu können und doch ganz genau zu spüren, wie präsent für diese person der schmerz immerzu ist, während sehr bald alles ringsum weiter "funktioniert". auch ist es, wie du auch gesagt hast, schlicht tabu das thema tod - insbesondere suizid - intensiver zu thematisieren. die hemmungen sitzen tief, schnell ist ein satz gesprochen, der jemanden verletzen könnte in seinem religiösen/ethischen empfinden, dabei wäre es vielleicht gut, zu reden. die meisten menschen neigen dazu, möglichst rasch zur tagesordnung überzugehen. gleichzeitig fehlt es an ritualen, an ernstgenommener symbolik. ich glaube in der heutigen schnellen zeit ist man mehr denn je alleine mit der trauer. oder beim therapeuten. auf jeden fall muss auch die trauer, die ja zeit beansprucht, irgendwo eine geldwerte leistung hervorrufen. das ist himmeltraurig. habe heute grad erlebt, wie sich jemand über den tod einer person freut, weil es geld bringt.

einmal lächeln und manche denken, man sei "darüber hinweg" und ab die post.
aber was solls, man kann sich nur freuen für jene, denen die erfahrungen mit dem tod noch erspart geblieben sind.. etwas einfühlungsvermögen wäre wünschenswert, vielleicht ist das eine aufgabe der erziehung. den umgang mit dem tod, denke ich, kann man kindern nicht lehren, es ist eine erfahrung und zeitpunkt/reaktion sind nicht voraussehbar.
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Re: trauern für mutige

Beitragvon zora » Mi 10. Mär 2010, 07:46

liebe dada

vielen dank für deinen mutigen beitrag! du erwähnst so viele tatsachen, die mir auch begegnet sind. das tut, trotz des negativ besetzten themas, gut. als leser fühlt man sich weniger einsam.

ich kenne das gefühl der ohnmacht, das du beschreibst, von der arbeit und von meinem privatleben her.
nach über 30 jahren ist es meinem vater nicht möglich, über meinen toten bruder zu sprechen. es scheint, als hätte er eine harte mauer um sich herum, die sein innerstes, das so verletzt wurde, schützt. ich persönlich funktioniere anders. ich habe und brauche ein ventil (das schreiben). ich bin überzeugt, dass gefühle, die keinen ausdruck finden, einen menschen krank machen können. ein ausdruck wäre beispielsweise schreiben, zeichnen, meinetwegen putzen oder - ganz einfach? - hemmungslos weinen. die meisten menschen, besonders männer, die ich kenne, können nicht weinen. ich bin wütend auf ihre lehrer, mütter und väter, die ihnen als kleine jungs gesagt haben: en bueb brüled im fall nöd!

als ich meine mutter verloren hatte, gab es momente, in denen ich mir alle meine haare abrasieren wollte. ich wollte mit kahlem kopf herumlaufen. warum ich das dachte: es wäre ein zeichen gewesen. vielleicht hätte ich so beim nachwachsen das gefühl bekommen, dass meine wunden langsam vernarben. ich habe es natürlich nicht getan.

vielleicht wiederhole ich mich, aber ich kann jedem "ich sehe deine tränen" von jorgos canacakis empfehlen. es gibt mittlerweile so viele (auch unnütze bücher) übers trauern. dieses jedoch ist eine wahre perle. er geht auf verschiedene arten des verlustes und der trauer ein. sein buch beinhaltet das lebens- und trauerumwandlungsmodell. seine texte sind eindrücklich und sehr persönlich geschrieben. er wendet sich an den leser in der du-form, bietet ihm so an, ihn als freund durchs buch zu begleiten. ich werde später über seine "sechs unerschütterlichen wahrheiten und tatsachen der trauer" schreiben.
besonders hilfreich finde ich in deinem fall seinen "leitfaden" um andere menschen in ihrer trauer zu begleiten:

er rät, die eigene trauerfähigkeit zu entwickeln, indem man sich selbst während der trauer begleiten lässt. er geht davon aus, dass jeder irgendwann in seinem leben in die situation kommt, jemanden zu verlieren oder von jemandem abschied nehmen zu müssen. alles was uns selbst in dieser situation nicht gefallen würde, sollen wir auch unserem gegenüber nicht antun.

a) den trauernden nicht wie ein exotisches tier betrachten, sondern das gefühl vermitteln, dass man gegenwärtig bei ihm ist: ich bin hier und bleibe bei dir. hab keine angst!

b) gib das gefühl, dass sich der trauernde auf dich verlassen kann. lass ihn spüren, dass du deine ganze aufmerksamkeit und sorge schenkst, aber ihm auch seine eigenständigkeit lässt.

c) die trauer bedingungslos akzeptieren. der trauernde braucht sich dir nicht zu erklären. gib zu verstehen, dass du ihm seinen trauerausdruck zubilligst und bereit bist, daran anteil zu nehmen.

d) gib zu verstehen, dass du jemand bist, der gleich was passiert, zu ihr halten wird. dass du bereit bist, sie so zu lassen, wie sie ist. bestärke sie in ihrem weinen und sage ihr, dass sie das recht hat, sich so zu verhalten.

e) sage ihr, dass sie laut und verzweifelt sein kann, weil der verlust unwiderruflich ist und keine hoffnung auf ein wiedersehen besteht. unterstütze sie im ausdrücken ihrer trauer und sei klar und eindeutig mit ihr, wenn es um das feststellen der realität geht. gib ihr das gefühl, von dir gesehen, gehört, verstanden, bestätigt und akzeptiert zu werden.

f) biete dem trauernden an, bei der erledigung verschiedener formalitäten zu helfen, damit er selber zeit findet für die eigene trauer, ohne dauernd unterbrochen oder gestört zu werden.

g) wenn du jemanden weinen siehst, eile nicht sofort hin, um ihn auf der stelle in den arm zu nehmen und zu trösten. nimm erst einmal die situation wahr und nähere dich achtsam. du vermittelst sonst den eindruck, weinen sei etwas unnatürliches. er könnte meinen, er solle aufhören, sonst würdest du auch noch damit anfangen.

h) gib ihr immer das gefühl, dass deine anwesenheit nicht bedeutet, dass sie mit dem trauern aufhören soll. gib ihr zu verstehen, dass sie sich mit der trauer nicht zu beeilen braucht. trauer hört alleine auf und kommt wieder, wenn sie es möchte, bis sie überflüssig wird, wenn sie ganz "umgewandelt" wurde.

i) betone ausdrücklich, dass du nicht belastet fühlst und dass du es sagen würdest, wenn es doch der fall wäre.

j) gib zu verstehen, dass deine worte sie nicht wegtrösten, sondern sie in ihrer trauer bestärken wollen. sie soll sich ohne hemmungen ausweinen dürfen.

k) der trauernde mensch hat seine antennen für die sinne meistens eingefahren. möglicherweise macht es sinn, dass er vielfältig schönes wahrnehmen kann, damit es seine sinne wieder hervorlockt. spaziergänge in der natur oder ein besuch in einem museum können helfen, dass das leben wieder durch die sinne in den körper zurückkehren kann.


du schreibst, man könne sich freuen für jene, die niemals getrauert haben.
ich bin da etwas ambivalent. ich bin nicht neidisch. ich würde sogar sagen, dass mein eigenes leben durch die trauer
um liebe menschen sinnhafter geworden ist. zwar bin ich, seit ich zwei jahre alt bin, mit dem tod von nahen angehörigen konfrontiert und so irgendwie nie ohne trauer gewesen. die trauer um meine mutter jedoch hat mich wirklich reifen lassen. sie hat mein leben gewichtiger und mich selber nachdenklicher gemacht. dafür bin ich dem leben dankbar.

herzlich
zora
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Re: trauern für mutige

Beitragvon zora » So 14. Mär 2010, 10:36

gestern ist etwas geschehen, von dem ich mir immer gewünscht habe, dass es passiert aber nicht gehofft habe, es miterleben zu dürfen.

mein vater und seine frau stecken im zügelstress. sie verlassen ihre gemeinsame (miet-)wohnung und ziehen in eine eigentumswohnung ein. ich habe ja schon früher darüber geschrieben. für meinen vater scheint die packerei eine plackerei zu sein. die vorfreude auf die neue wohnung weicht einer gewissen melancholie.

während wir bei selbstgemachten tiramisu sitzen, überreicht er mir mit zitternden händen ein dokument, das ich zuletzt vor zwanzig jahren in den händen hielt und von dem ich dachte, er hätte es weggeworfen. jedenfalls hat er mir das selbst vor zwei jahren gesagt. ein zusammengefaltetes, blaues papier. von bald 31 jahren des aufbewahrtseins etwas mitgenommen entdecke ich auf der hinterseite den fussabdruck meines toten bruders. es ist der beweis, dass mein bruder gelebt hat. auf vorderseite stehen der arzt und die hebamme, innen ist ein foto meines vaters mit meiner mutter in den armen, der bruder schlafend und erschöpft von der geburt zwischen ihnen.

meine gefühle sind schwer zu beschreiben. ich stehe kurz davor zu weinen, doch ich fürchte mich davor, was es dann in meinem vater auslöst. er blickt mich an und sagt: "nimm es mit. bei dir es ist am richtigen platz aufgehoben."

wir schauen fotoalben an, fast atemlos ezählt er uns, wer wer auf den photos ist. die rs. der gestrenge vater. seine tiere. meine mutter. immer wieder meine mutter. jung. schön. langbeinig. unversehrt. ich bemerke zum ersten mal, dass sie sich einmal sehr geliebt haben, als sie jung waren. sie waren übermütig und nichts, wirklich nichts deutet auf den photos darauf hin, dass sie beide durch die hölle gehen werden. mein vater will reden. es scheint, als ob erst jetzt, wenn er diese wohnung verlässt, endlich seine emotionen fliessen und er sie hier deponieren kann. wir hören ihm zu. zu wort kommen wir nicht. es ist seine beichte. ich bemerke, dass er in meinem alter bereits zwei kinder hatte. eins lebendig und eins tot.

als wir im wagen sitzen und ich nachhause fahre, überkommen mich meine gefühle. ich weine, weil ich glücklich und zugleich traurig bin. endlich habe ich ein bild von meinem bruder. endlich ist er nicht mehr nur ein phantom in meinen gedanken.

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